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Gesundheit
18.04.2022

Psychopharmaka: Fluch oder Segen?

Bei der Behandlung von Depressionen stehen den Betroffenen verschiedene Verfahren zur Verfügung. Eine davon ist die Psychotherapie. Die Behandlung der Seele bedarf professioneller Hilfe, damit gezielt entgegengewirkt werden kann. (Symbolbild)
Bei der Behandlung von Depressionen stehen den Betroffenen verschiedene Verfahren zur Verfügung. Eine davon ist die Psychotherapie. Die Behandlung der Seele bedarf professioneller Hilfe, damit gezielt entgegengewirkt werden kann. (Symbolbild) Bild: pexels.com
Die Behandlungen bei Depression haben sich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Dank moderner Methoden könnten auch behandlungsresistente Patientinnen und Patienten Hoffnung schöpfen. Das aufklärende Interview mit einem Experten.

Antriebslosigkeit, Traurigkeit und Freudlosigkeit sind typische Empfindungen für ein Seelentief. Solche Stimmungen gehören zum Leben und verschwinden in der Regel nach wenigen Stunden oder Tagen. Eine über zwei Wochen anhaltende tiefbleibende Stimmung könnte ein Hinweis auf eine Depression sein. 

Im Vortrag von vergangener Woche informierten die Spitäler Schaffhausen über moderne Depressionsbehandlung – im Fokus stand vor allem die Entwicklung im Bereich der interventionellen Psychiatrie. Der «Bock» sprach mit PD Dr. med. Bernd Krämer, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Spitäler Schaffhausen, über die Fortschritte der letzten Jahre.

«Bock»: Herr Krämer, welche Behandlungen stehen bei Depressionen zur Verfügung?

Bernd Krämer: In der Vergangenheit waren es immer die zwei folgenden Säulen: die medikamentöse Behandlung mit Psychopharmaka und die Psychotherapie. Die Wahl der Behandlung richtet sich jeweils nach dem Schweregrad der Erkrankung. Diese Methoden können losgelöst voneinander oder in Kombination angewendet werden. Die dritte Säule bildet die interventionelle Psychiatrie, welche ein unabhängiges Feld darstellt. 

Wieso sprechen Sie von moderner Depressionsbehandlung?

Krämer: Bei allen drei Behandlungen gab es in den letzten Jahren Entwicklungen. Die psychotherapeutische Methodik hat sich etwa von einer eher breiten Anwendungstechnik in differenzierte Behandlungsmöglichkeiten entwickelt. Heute können Therapien problemspezifisch durchgeführt werden. Die Behandlung kann dadurch viel gezielter erfolgen. Auch in den Bereichen Psychopharmakologie und interventionelle Psychiatrie wurden wichtige Entwicklungen gemacht.

Der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Spitäler Schaffhausen, Bernd Krämer, klärt über moderne Depressionsbehandlungen auf. Bild: Gabriella Coronelli, Schaffhausen24

Psychopharmaka haben den Ruf, abhängig zu machen. Wie sieht die Entwicklung bei der medikamentösen Behandlungstechnik mit Antidepressiva aus?

Krämer: Die ersten Psychopharmaka zur Behandlung von Depressionen kamen in den 1950er-Jahren auf den Markt. Diese hatten in der Tat relativ viele Nebenwirkungen. Die Medikamente zeigten zwar eine positive Wirkung, waren aber wenig selektiv. Der schlechte Ruf von Antidepressiva, der sich teilweise bis heute hält, ist aus meiner Sicht ungerechtfertigt. Natürlich haben auch heutige Antidepressiva Nebenwirkungen, sie sind aber deutlich geringer, weil sie treffsicherer sind, zudem enthalten sie keine Substanzen, die abhängig machen.

 Was versteht man unter interventioneller Psychiatrie?

Krämer: Die interventionelle Psychiatrie gibt es schon seit den 1930er-Jahren, dazu gehörte schon damals die EKT: Elektrokonvulsions- oder Elektrokrampfbehandlung. Heutige EKT-Behandlungen dürfen aber nicht mit der historischen Anwendung verwechselt werden. Die EKT wurde weiterentwickelt und ist heute eine moderne Therapiemöglichkeit zur Behandlung therapieresistenter Depressionen. Diese Behandlungsmethode ist, wie auch die Psychotherapie und Psychopharmakologie, nicht mehr mit der früheren Methodik zu vergleichen. Die Indikationen sind allerdings dieselben geblieben, nämlich beispielsweise Personen mit sehr schweren oder therapieresistenten Depressionen.

 Was ist heute anders?

Krämer: In den Anfängen führten Ärzte diese Methode beispielsweise ohne Narkose und ohne Muskelentspannung durch, was heute undenkbar wäre. Zu jener Zeit war vieles sehr experimentell, man stand am Anfang der Behandlung psychischer Erkrankungen, etablierte Behandlungsmethoden von psychischen Erkrankungen gab es noch keine. 

Wieso sollten Betroffene diese Behandlungsmethode als mögliche Therapie in Betracht ziehen?  

Krämer: Die EKT ist heute eine nebenwirkungsarme, schonende und erfolgsversprechende Behandlung. Speziell bei behandlungsresistenten Patienten, die etwa 30 Prozent aller Fälle ausmachen. Innerhalb dieser schlecht behandelbaren Patientengruppe können bis 80 Prozent in Remission gebracht werden (Anmerkung der Redaktion: Remission bedeutet in der Medizin das komplette, vorübergehende oder auch dauerhafte Verschwinden der Krankheitssymptome).

Gibt es innerhalb der interventionellen Psychiatrie noch weitere Methoden?

Krämer: Ja. Es gibt zum Beispiel die Lichttherapie, die transkranielle Gleichstromstimulation oder auch die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS). Mit rTMS können Patientinnen und Patienten mit vielfältigen psychiatrischen und auch neurologischen Symptomen behandelt werden, wobei der Schwerpunkt der Indikation wie bei der EKT auf therapieresistenten Depressionen liegt. Wirksam sind bei der rTMS gepulste Magnetfelder. Eine Narkose ist nicht notwendig. Das Verfahren wird in der Regel als sehr angenehm empfunden, bei insgesamt seltenen und geringen Nebenwirkungen. 

Gabriella Coronelli, Schaffhausen24