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Gesellschaft
23.05.2022

Gedächtnistraining auf eine andere Art

Unterwegs mit der Kamera: Martin Ulmer will 700 Personen in und um Schaffhausen porträtieren. Rund 500 Aufnahmen hat der 42-Jährige bereits im Kasten. Die Vernissage seiner Ausstellung ist auf Anfang 2023 geplant.
Unterwegs mit der Kamera: Martin Ulmer will 700 Personen in und um Schaffhausen porträtieren. Rund 500 Aufnahmen hat der 42-Jährige bereits im Kasten. Die Vernissage seiner Ausstellung ist auf Anfang 2023 geplant. Bild: Lara Gansser, Schaffhausen24
Mit der Kamera unterwegs, um sein Herzensprojekt zu verwirklichen: Martin Ulmer will bis Ende Jahr 700 Schaffhauserinnen und Schaffhauser porträtieren, um diese in einer Fotoausstellung zu präsentieren. Doch hinter dem Projekt steckt weit mehr.

700 Porträtaufnahmen von Schaffhauserinnen und Schaffhausern schiessen und diese anschliessend ausstellen – ein ambitioniertes Projekt, das Martin Ulmer aktuell verfolgt. Rund 500 Fotos hat der 42-Jährige bereits im Kasten. Doch hinter seinem Herzensprojekt steckt weit mehr als der einfache Plan, eine Foto-Ausstellung zu realisieren. «Ich lerne mich und andere Menschen besser kennen, habe eine Aufgabe, trainiere mein Gedächtnis und pflege soziale Kontakte», so Martin Ulmer im Interview mit dem «Bock». 

«Es hat sich alles verändert»

Dass er das Projekt Ende 2021 wirklich angegangen ist, sei für Martin Ulmer ein grosser Schritt gewesen. Auf die stetige Aufforderung eines Kollegen, entschied er irgendwann, sein eigenes Fotoprojekt zu starten und Menschen zu fotografieren – inspiriert von den Fotoaufnahmen, die früher an der Wand des Restaurants Ufenau hingen «Ich sagte anfangs immer wieder nein, bis ich realisierte, was für eine Chance für mich dahintersteckt.» Denn Martin Ulmer blickt auf keine einfache Lebensgeschichte zurück. An Weihnachten 2004 hatte er einen schweren Autounfall, dessen Folgen ihn bis heute begleiten. «Eingangs Paradies bei Schlatt geriet ich aufgrund von Glatteis ins Schleudern und prallte gegen eine Baumgruppe. Dann lag ich gut einen Monat im Koma», erzählt der Schaffhauser. Und der Unfall stellte in seinem Leben alles auf den Kopf: laufen, sprechen, essen, denken und kombinieren – er musste alles neu erlernen. «Ich baue bis heute Tag für Tag weiter auf», so Martin Ulmer. Fast 18 Jahre nach dem Unfall, sind ihm die Beeinträchtigungen auch beim Gehen und Sprechen noch anzumerken. «Es hat sich alles verändert. Die Menschen schauen mich mit ganz anderen Augen an.» 

Espresso-Fanatiker

Früher habe Martin Ulmer davon geträumt, mehr Zeit für seine Hobbys zu haben. «Heute habe ich die Zeit, aber nicht mehr die gleichen Fähigkeiten.» Doch eines dieser Hobbys hat er – neben dem Velofahren – in den letzten Jahren immer mehr vertieft: das Fotografieren. «Bereits früher im Jugendhaus war es meine Leidenschaft, Schwarz-Weiss-Aufnahmen selber zu vergrössern», so der gelernte Multimedia Producer. 

Wo Martin Ulmer auch immer wieder anzutreffen ist: in seinem Espresso-Mobil «xPresso», mit dem er unter anderem im Sommer 2021 in der Rhykantine dabei war und dieses Jahr am Lindli Fäscht vor Ort sein wird. «Angefangen habe ich 2020 im ehemaligen Bernerstübli im Löwengässchen. Unter dem Slogan ‹Make Wochenstart great again› verkaufte ich von Montag bis Mittwoch Espresso über die Gasse», erzählt der Kaffee-Fanatiker. 

Schaffhausen repräsentieren

Sein aktuelles Vorhaben: 700 Porträts von Menschen in Schaffhausen aufnehmen. «Ein Hauptziel dieses Projekts ist es, mich zu überwinden, auf Menschen zuzugehen», erklärt der leidenschaftliche Fotograf, der seit dem Unfall zu 100 Prozent IV-Bezüger ist. «Ich habe bereits viele spannende Menschen kennengelernt und Unterhaltungen geführt.» Doch es gehöre auch dazu, mit Absagen umzugehen. «Nicht alle wollen fotografiert werden oder sind grundsätzlich sehr kritisch. Das akzeptiere ich – meist», so Martin Ulmer schmunzelnd. Das erinnere ihn an die Zeit, als er Greenpeace-Mitgliedschaften auf der Strasse verkaufte. 

Auf den bisher rund 500 Aufnahmen sind Menschen von jung bis alt, von arm bis reich, von links bis rechts zu sehen. «Am wichtigsten ist mir, dass die Menschen ganz natürlich und authentisch in Szene gesetzt werden», so Martin Ulmer, der bei den Aufnahmen eine klare Linie verfolgt: Das Gesicht der Person bis zu den Schultern im Fokus, der Hintergrund leicht verschwommen. Am schönsten sei es, die Menschen dort zu fotografieren, wo sie sich aufhalten oder bewegen – spontan auf der Gasse, in einem Kafi oder am Arbeitsplatz. Der grösste Teil der fotografierten Personen lebt und bewegt sich in Schaffhausen, doch Martin Ulmer konnte bereits einige Persönlichkeiten ablichten, die es über den Rhein geschafft haben. «Wichtig ist einfach, dass sie einen Bezug zu Schaffhausen haben.» 

Das Projekt sei für Martin Ulmer zudem ein gutes Gedächtnistraining: «Es fällt mir seit dem Unfall teilweise schwer, Menschen wiederzuerkennen. So kann es passieren, dass ich auf ein freundliches Hallo hin ein zweites Mal versuche, mein Projekt vorzustellen.» Wie lange braucht es, bis Martin Ulmer mit einem Foto zufrieden ist? «Das ist ganz unterschiedlich: manchmal reichen sechs Sekunden, manchmal brauche ich über zehn Minuten», erzählt der 42-Jährige. Er habe eigene Ansprüche an sich selbst: «Immer wieder komme ich nach dem Fotografieren nach Hause und sehe, was ich hätte besser machen können.»

Ausstellung Anfang 2023

Von Januar bis Mitte März 2023 werden die Fotografien von Martin Ulmer in der Fass-Beiz in Schaffhausen zu sehen sein. «Von Anfang an wollte ich meine Fotos in einem Schaffhauser Restaurant zeigen. Dass ich von der Fass-Beiz die Möglichkeit erhalte, dort zweieinhalb Monate lang auszustellen, ist der Optimalfall.» Momentan rätselt er am Druck der Aufnahmen. «Sicher ist, dass ich die Bilder quadratisch auf 10×10 cm ausdrucken werde.»

Von den meisten Begegnungen während seines Fotoprojekts sei Martin Ulmer sehr positiv überrascht. «Jedes einzelne Gespräch ist eine Freude für mich. Und auch die negativen Reaktionen bringen mich weiter», berichtet er. Auch in den nächsten Monaten wird Martin Ulmer Tag für Tag durch Schaffhausen schlendern und Anlässe besuchen, um sein persönliches Ziel zu erreichen: 700 Porträtaufnahmen von Schaffhauserinnen und Schaffhausern sammeln und sein Herzensprojekt – eine grossflächige Foto-Ausstellung – realisieren. 

Soziale Kontakte pflegen und Gedächtnistraining betreiben: Insgesamt 700 Schaffhauserinnen und Schaffhauser will Martin Ulmer für sein Fotoprojekt ablichten.  Bild: Lara Gansser, Schaffhausen24
Lara Gansser, Schaffhausen24