Home Region Sport In-/Ausland Magazin Agenda
Schaffhausen
21.11.2022
22.11.2022 11:13 Uhr

Wenn Uhren Geschichten erzählen

In der Uhrenwerkstatt von Kai Limmer in der Stadthausgasse in Schaffhausen wurde schon manch totgeglaubter Zeitmesser wieder zum Leben erweckt. Dank traditionsreicher Uhrmacherkunst können Uhren an die weiteren Generationen weitergegeben werden.
In der Uhrenwerkstatt von Kai Limmer in der Stadthausgasse in Schaffhausen wurde schon manch totgeglaubter Zeitmesser wieder zum Leben erweckt. Dank traditionsreicher Uhrmacherkunst können Uhren an die weiteren Generationen weitergegeben werden. Bild: Gabriella Coronelli, Schaffhausen24
Kai Limmer betreibt in der Stadthausgasse in Schaffhausen eine Uhrenwerkstatt. Zeitmesser jeglicher Art begleiten den gelernten Uhrmacher bereits sein Leben lang. Seine Leidenschaft für diesen alten Handwerksberuf zeigt sich auf unterschiedlichen Ebenen. Eine Faszination für automatische Zeitmesser und deren Geschichten.

In der Uhrenwerkstatt Limmer in der Stadthausgasse in Schaffhausen können Besucherinnen und Besucher in alten Zeiten schwelgen. Viele alte Wanduhren schmücken die Wände: Und jeweils zur vollen Stunde erklingen sie in diversen Tönen. Als Kontrast dazu stehen auf mehreren Uhrmachertischen hochmoderne Mess- und Prüfgeräte. Kai Limmer ist der Inhaber der gleichnamigen Werkstatt. Sein Erscheinungsbild scheint mit dem Inventar seiner Uhrenwerkstatt zu harmonieren: der 50-Jährige begrüsst die «Bock»-Redaktorin mit einer mechanischen Uhr am Handgelenk und einem Smartphone in der anderen Hand. Empfangsscheine werden wie früher von Hand geschrieben, andere Informationen wiederum sind im iPad gespeichert. Tickt hier noch alles richtig?

Uhren, so weit das Auge reicht

Stereotypisch betrachtet ist der Uhrmacher in der Vorstellung vieler Menschen eine eher ältere, graumelierte und introvertierte Person, die mit der Uhrmacherlupe den ganzen Tag leise über dem Etabli gebeugt Uhren zerlegt und wieder zusammenfügt. Mit dem langen Bart und der Glatze entspricht Kai Limmer schon äusserlich nicht diesem geläufigen Bild. Auch die offene und enthusiastische Begrüssung scheint nicht so ganz mit der ursprünglichen Vermutung übereinzustimmen. Und doch ist der Inhaber der Werkstatt genau das: Uhrmacher. Beinahe schon sein Leben lang. Denn der heute 50-Jährige wurde bereits in eine Uhren-Familie hineingeboren. Seine Eltern betrieben einen Uhren-Grosshandel mit eigener Produktion und stellten Zeitmessgeräte wie Laborstoppuhren, Kurzzeitmesser und Wanduhren her. Das Familienunternehmen beschäftigte vor der Quarzkrise, während der die damals neuartigen elektronischen Uhren mit Quarztechnologie die mechanischen Uhren fast vollständig verdrängten, rund 30 Mitarbeitende. Zusätzlich führte die Mutter ein kleines Uhren- und Schmuckgeschäft. «Die Quarzkrise ging natürlich auch an uns nicht einfach vorbei. Mit der Zeit schrumpfte das Unternehmen immer mehr». Kai Limmer erzählt, dass auch bei ihm – ähnlich wie bei seinen Eltern – das Feuer der Begeisterung für Zeitmesser nie nachgelassen hat. 

Es hiess schon immer so

Der in der Nähe der deutschen Stadt Aschaffenburg aufgewachsene Uhrmacher ist das jüngste von fünf Geschwistern. Der elterliche Wunsch war, dass wenigstens einer ihrer Sprösslinge den Beruf des Uhrmachers erlernen würde. Insbesondere der Vater habe diesen Wunsch forciert. Das Nesthäkchen Kai Limmer war von Kindesalter an von Uhren umgeben. «Meine Geschwister haben alle einen Beruf ausserhalb der Uhrenbranche erlernt. Für mich war irgendwie schon immer klar, dass ich Uhrmacher werde, weil es schon immer so hiess». Der Uhrendoktor, der auf die Reparatur insbesondere älterer Uhrenmodelle spezialisiert ist, zeigte bereits früh Freude daran, Uhren zu zerlegen, zu reparieren und wieder zusammenzufügen. Diese Begeisterung und das Pflichtgefühl, dem elterlichen Wunsch nachzukommen, bewegten den 50-Jährigen dazu, die dreijährige Uhrmacherlehre zu absolvieren. Nach Abschluss der Erstausbildung kam Kai Limmer in den Zivildienst und arbeitete während zwei Jahren als Rettungssanitäter. «Ich musste meinen Einsatz verlängern, weil ich nach dem Zivildienst keine Arbeit als Uhrmacher finden konnte. Ich hatte allerdings als Rettungssanitäter so viel Spass, dass ich die Uhrmacherei fast an den Nagel gehängt hätte». 

Reparieren statt neu anschaffen

Auf Wunsch seiner Eltern hin, die Jobsuche als Uhrmacher weiter zu versuchen, kam es dann auch zu Vorstellungsgesprächen bei diversen Uhrenherstellern. «Einfach nur eine Batterie oder ein komplettes Uhrwerk auszutauschen, war mir aber einfach zu langweilig», erklärt Kai Limmer. Er ist generell Anhänger davon, Gegenstände zu reparieren, statt neu anzuschaffen. Aktuell restauriert er hobbymässig ein Grammophon. «Ich zerlege und schraube einfach gerne und habe mich auch schon an alten Autos oder Motorrädern versucht», erzählt er lachend. 

Schliesslich landete Kai Limmer durch Zufall in der IWC in Schaffhausen. Da arbeitete er 21 Jahre lang: drei in der Uhrenmontage und 18 Jahre als Rhabilleur für Uhren mit unterschiedlichen Komplikationen (Anmerkung der Redaktion: Rhabilleure sind für die Reparatur, Pflege, Wartung und Erhaltung von Uhren ausgebildete Uhrmacher). Während dieser Zeit hauchte er unzähligen defekten Uhren wieder neues Leben ein. Er spezialisierte sich insbesondere auf die Instandsetzung alter Uhren und konnte mit seiner Uhrmacherkunst so manche verstaubten Erbstücke wieder funktionstüchtig an die Nachkommen weitergeben. 

Jede Uhr hat eine Geschichte

Vor rund sechs Jahren hat sich Kai Limmer mit seiner langjährigen Lebensgefährtin, ebenfalls ausgebildete Uhrmacherin, den Traum eines eigenen Uhrenateliers erfüllt. «Jede Uhr, die in meine Werkstatt kommt, hat eine Geschichte. Ich freue mich immer, wenn mir meine Kundschaft diese auch erzählt. Und noch mehr freue ich mich, wenn ich praktisch abgeschriebene Uhren wieder so instand setzen kann, dass sie wieder getragen werden können». Der zweifache Vater bezeichnet sich als Familienmensch und ist für die Unterstützung seiner Angehörigen für die Ausübung seiner Tätigkeit sehr dankbar. Denn obschon sein Beruf viel mit Zeit zu tun hat: er selbst hat nicht viel davon. 

Gabriella Coronelli, Schaffhausen24