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Wirtschaft
09.04.2021
27.05.2021 08:50 Uhr

Doppelten Auftrag erfüllen

Für Menschen mit höheren Bedürfnissen gibt es zahlreiche institutionelle Angebote und Dienstleistungen.
Für Menschen mit höheren Bedürfnissen gibt es zahlreiche institutionelle Angebote und Dienstleistungen. Bild: Peter Schäublin, 720 Grad GmbH, Thayngen
Die altra schaffhausen ist nicht nur ein Werkstatt- und Industriebetrieb, sondern auch eine soziale Institution. Doch wie wird dieser Beitrag an die Gesellschaft finanziert?

Über die Kantonsgrenze hinaus ist die altra bekannt als erfolgreicher Schaffhauser Werkstatt- und Industriebetrieb, als Anbieterin vielfältiger Wohnformen oder als Arbeitgeberin für Menschen mit Beeinträchtigung. 58 Personen finden bei der altra einen betreuten Wohnplatz. Zudem beschäftigt das Unternehmen rund 400 Personen mit einer Behinderung. Als Angestellte in einem geschützten Arbeitsplatz, also einer Tagesstruktur mit Lohn, arbeiten sie bei der Herstellung verschiedenster Produkte und Dienstleistungen und erbringen so eine sinnstiftende Arbeit. Zudem bietet die altra in Zusammenarbeit mit Partnerfirmen Integrationsarbeitsplätze in der freien Wirtschaft an. Von Wichtigkeit ist auch die geschützte Beschäftigungsstätte für Personen mit schwerer psychischer Beeinträchtigung, mit dem Ziel, eine sinnvolle Tätigkeit und Tagesstruktur zu bieten. Doch was steckt organisatorisch hinter einer sozialen Institution wie der altra und wie wird diese finanziert?

Vereinbarung mit dem Kanton

Die altra untersteht dem Bundesgesetz über die Institutionen der Eingliederung von invaliden Personen (IFEG). «Die Institutionen für Erwachsene mit Behinderung bestehen in Schaffhausen wie meist in der Schweiz in Private Public Partnership», erklärt Barbara Grauwiler, Leiterin Fachstelle Behinderung des Sozialamtes des Kantons Schaffhausen. «Das heisst, der Staat vergibt für die Erfüllung eines Auftrags diesen über Leistungsvereinbarung an Private, sorgt für die Rahmenbedingungen, Grundsätze, Finanz- und Qualitätssicherung sowie Angebotsplanung.» Die altra verfügt dazu mit dem Kanton Schaffhausen über eine Leistungsvereinbarung und legt dem Kanton Rechenschaft über ihre Tätigkeit ab.
Die Planung, dass jeder Person mit Behinderung ein Angebot von Institutionen zur Verfügung steht, welches ihren Bedürfnissen entspricht, findet im Kanton innerhalb der Sozialdirektorenkonferenz Ost und Zürich (SODK Ost + ZH) statt. Laut IFEG müssen sich die Kantone insoweit an den Kosten des Aufenthalts einer Person mit IV in einer anerkannten Institution beteiligen, dass niemand Sozialhilfe benötigt. In Schaffhausen zahlt der Kanton innerhalb der Institutionen nur für die Plätze, die von Schaffhauserinnen und Schaffhausern belegt sind. Zudem fallen Kosten durch die Aufsicht an. 2021 gibt es in allen sieben Schaffhauser IFEG-Institutionen im Bereich Wohnen 308 Plätze, im Bereich Beschäftigung 226 Plätze und im Bereich Werkstätte 277 Plätze.

Betreuung und Infrastruktur

Soziale Institutionen haben vor allem einen Kostenaufwand für die Personalausgaben in der Betreuung und für die Infrastruktur, erklärt die Fachstellenleiterin. Diese werden durch Pauschaltarife gedeckt. Ziel des Wohnangebots in IFEG-Institutionen ist eine möglichst normale Situation für jede Bewohnerin und jeden Bewohner. Sie selbst bezahlen einen Teil daran, der auch im privaten Wohnen anfallen würde. In Schaffhausen sind das 127 Franken pro Tag und Bewohnerin oder Bewohner, die von den Ergänzungsleistungen EL anerkannt sind.
Im altra-Wohnen werden so 55 Prozent der Kosten durch die Invaliden-Rente (IV), Einkommen, Vermögen, und Ergänzungsleistungen gedeckt. «Die anderen 45 Prozent der Wohn-Tarife finanziert der Kanton Schaffhausen», so Barbara Grauwiler. «In den Tagesstrukturen Beschäftigung bezahlt der Kanton grundsätzlich den gesamten Tarif.» Der Kanton wendet für die IFEG-Leistungen 4,5 Prozent seiner gesamten Ausgaben auf. Diese werden im Jahr 2020 voraussichtlich 28,5 Millionen Franken betragen: wegen der Pandemie höher als budgetiert.

Einen doppelten Auftrag erfüllen

Auf die Frage hin, wie hoch der Anteil an Einnahmequellen ist, welche die altra durch Eigenleistungen erbringt, gibt es verschiedene Aspekte zu beachten. Der Bereich Wohnen generiert sieben Prozent der altra-Einnahmen, erklärt Barbara Grauwiler. Die selbst erwirtschafteten Erträge im Bereich der industriellen Dienstleistungen, das heisst in der Tagesstruktur mit Lohn wie der Gärtnerei, den Werkstätten oder dem Hofladen, betragen 38 Prozent der Einnahmen. «In der Tagesstruktur mit Lohn hat die altra als Werkstätte einen doppelten Auftrag», fügt die Fachstellenleiterin hinzu. Es geht einerseits um einen agogischen Auftrag, Personen mit Handicap einen Arbeitsplatz anzubieten, der ihnen die Möglichkeit zum Übertritt in die freie Wirtschaft eröffnen kann, sowie um einen wirtschaftlichen Auftrag. «Die Finanzierung des agogischen Auftrags, das heisst die Mehrbetreuung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wird in der Kostenrechnung genau ausgewiesen und grundsätzlich von den Wohnsitzkantonen über Betriebsbeiträge finanziert», so Barbara Grauwiler. Die Werkstätten tragen darüber hinaus mit ihrem Gewinn dazu bei. Dazu benötigt die altra Aufträge aus der Privatwirtschaft. Diese werden nach marktüblichen, betriebswirtschaftlichen Kriterien kalkuliert. In Bezug auf die Beschäftigung für Personen mit schwerer Beeinträchtigung muss die altra keinen Gewinn erwirtschaften. Es handelt sich hier auch um ein neues Angebot in der altra und war 2020 erst im zweiten Betriebsjahr. «Ziel der Beschäftigung ist eine sinnvolle Tätigkeit und Tagesstruktur je nach Fähigkeit und ohne Produktionsdruck», erklärt Barbara Grauwiler.
Der Lohn von Mitarbeitenden mit IV ist eher tief. Dies liegt daran, dass die Person weiterhin eine IV-Rente erhält und die Entlöhnung sich nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit richtet. Der zusätzlich erarbeitete Lohn darf bis 1000 Franken pro Jahr behalten werden. Der Rest wird bei den Ergänzungsleistungen teilweise angerechnet, welche nur in Anspruch genommen werden können, wenn eine Ergänzung unbedingt notwendig ist. Wichtig ist aber: Ein Geldbetrag für persönliche Ausgaben wird jeder Person in allen Tages- und Wohnangeboten überlassen.
«Viele Menschen mit Behinderung leben und arbeiten selbständig wie alle anderen – für Menschen mit höheren Bedürfnissen gibt es institutionelle Angebote und Dienstleistungen», erklärt die Verantwortliche. Wer genau was braucht und wie sich das entwickeln kann, darüber diskutieren die Betroffenen, Kantone und Institutionen fortwährend. «Laufend gibt es Innovationen, dazu trägt die altra sehr viel bei», so Barbara Grauwiler abschliessend.

Nathalie Homberger, Schaffhausen24