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Wirtschaft
09.03.2021

Inklusion als Ziel setzen

Ziel der UN-BRK ist, dass Menschen mit Behinderungen ihre Rechte in gleichem Masse ausüben können wie Menschen ohne Behinderung. (Symbolbild)
Ziel der UN-BRK ist, dass Menschen mit Behinderungen ihre Rechte in gleichem Masse ausüben können wie Menschen ohne Behinderung. (Symbolbild) Bild: Pexels
Die Schweiz hat die UNO-Behindertenrechtskonvention 2014 in Kraft gesetzt. Verbände und Institutionen wie die altra befassen sich nun mit der Umsetzung.

Im Dezember 2006 wurde in New York von der Generalversammlung der UNO das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (Behindertenrechtskonvention UN-BRK) verabschiedet. Die Konvention zählt heute 175 Vertragsstaaten und es ist das erste internationale Spezialübereinkommen für die Rechte von Menschen mit einer Behinderung. Die UN-BRK wurde von der Schweiz erst 2014 ratifiziert beziehungsweise in Kraft gesetzt. «Das liegt daran, dass die Schweiz sonst schon relativ gute gesetzliche Grundlagen hat für Menschen mit einer Beeinträchtigung», erklärt Sonja Anderegg, Leiterin Fachbereich Integration, Wohnen und Beschäftigungsstätte der altra Schaffhausen sowie Mitglied der Geschäftsleitung. In der altra, wo unter anderem rund 400 Personen mit einer Beeinträchtigung beschäftigt sind, ist die UN-BRK Teil der Geschäftsstrategie.

«Die Menschen, die es betrifft, müssen mit ins Boot geholt werden.»
Sonja Anderegg, Mitglied der altra-Geschäftsleitung

Aktionsplan ausgearbeitet

Mit der Ratifizierung der Konvention verpflichtet sich die Schweiz, Hindernisse zu beheben, mit denen Menschen mit einer Beeinträchtigung konfrontiert werden, die Menschen gegen Diskriminierung zu schützen und ihre Gleichstellung in der Gesellschaft zu fördern. «Das Zentrale an der UN-BRK ist aber die Forderung nach Inklusion», erklärt Sonja Anderegg. Inklusion ist dann erreicht, wenn jeder Mensch in seiner Individualität von der Gesellschaft akzeptiert wird und die Möglichkeit hat, gänzlich an ihr teilzuhaben und teilzunehmen. Laut Sonja Anderegg wird es aber lange dauern, bis die Gesellschaft das akzeptiert und Inklusion auch gelebt wird. Die Verbände INSOS Schweiz, CURAVIVA Schweiz und VAHS Schweiz und die Institutionen, darunter die altra, setzen sich intensiv mit der UN-BRK auseinander. Sie erarbeiten einen Aktionsplan mit Massnahmen zur Umsetzung der Forderungen der Konvention.
Sechs Faktoren seien in der Begleitung von Menschen mit einer Beeinträchtigung und auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft entscheidend: Teilhabe, Mitwirkung und Mitsprache, Selbstbestimmung, Angebotsvielfalt und Wahlfreiheit, Durchlässigkeit der Angebote sowie Sozialraumorientierung. «Die altra hat schnell gemerkt, um auf den richtigen Weg zu kommen, müssen von Anfang an die Menschen, die es betrifft, ins Boot geholt werden», erklärt Sonja Anderegg. Aus diesem Grund wurde im Unternehmen ein Inklusionsrat gegründet, der sich mit der Umsetzung der BRK-Forderungen innerhalb und ausserhalb der altra befasst.

Anspruchsvolle Umsetzung

Ein wichtiger Faktor des Aktionsplans, der in der altra schon lange gelebt wird, ist die Wahlfreiheit. Alle Mitarbeitenden haben die Wahl, wo und wie sie arbeiten möchten. «Was auch wichtig ist, ist, die berufliche Laufbahn zu ermöglichen. Innerhalb der altra gibt es Möglichkeiten, sich zu verändern, sich weiterzuentwickeln und weiterzubilden», sagt die Fachbereichsleiterin. Ein weiterer Punkt: Die Sozialraumgestaltung. «Früher gab es die sogenannte Förderplanung. Der Sozialpädagoge hat gesagt, was zu tun ist oder besser nicht. Heute stehen die Wünsche der Personen im Zentrum und wir unterstützen sie in ihrer Entwicklungsplanung», so Sonja Anderegg. Dies ist nicht nur auf die Arbeit bezogen, sondern auch in den verschiedenen Wohnformen (betreutes Wohnen bis zu begleitetem begleitendem Wohnen in einer eigenen Wohnung) der altra konzipiert.
Selbst- und Mitbestimmung sind weitere wichtige Themen. Aber wo hört die Betreuung auf und wo fängt Selbstbestimmung an? «Betreuen heisst heute nicht ‹ich weiss es besser›, sondern ‹ich begleite dich›. Und das ist höchst anspruchsvoll», sagt die Expertin. Menschen mit einer Beeinträchtigung müssten zudem lernen, wann sie Rechte in Anspruch nehmen können, selber auch aktiv etwas beitragen und Verantwortung übernehmen müssen.
Ein weiterer wichtiger Faktor in der altra ist das Recht auf Information. Die Herausforderung hierbei ist, dass alle Mitarbeitenden wissen, was gerade im Unternehmen läuft. Dafür wurde unter anderem an jedem Standort des Unternehmens ein Informationsbildschirm aufgestellt, der einfach zu bedienen ist. Zudem werden Verhaltensregeln, wie beispielweise im Rahmen der Gewaltprävention, in die sogenannte Leichte Sprache übersetzt, damit jede Person den altra-Verhaltenskodex versteht. «Das eine ist die inklusive Gesellschaft, das Gefühl der Zugehörigkeit, dich vollwertig als Mensch anzunehmen. Das andere ist, dass wir unverändert den agogischen Auftrag erfüllen müssen», so Sonja Anderegg. Und hier die Balance zu finden, sei für die Fachbereichsleiterin eine der grössten Herausforderungen. Der weitest gefasste Anspruch der UN-BRK sei jedenfalls die Abschaffung der Institutionen, wie beispielsweise der altra. Aber dafür brauche es die Gesellschaft. Bis diese Menschen mit Beeinträchtigung gänzlich akzeptiert, ist es noch ein langer Weg.

Die Konvention in Kürze

Ziel der UN-BRK ist es, dass Menschen mit Behinderungen ihre Rechte in gleichem Masse ausüben können wie Menschen ohne Behinderung. Die Konvention enthält vor allem programmatische Bestimmungen. Die Vertragsstaaten müssen die Verpflichtungen nach und nach in ihrer nationalen Gesetzgebung und mit ihren Mitteln umsetzen. Hauptthemen sind Gleichbehandlung, Sicherheit, Bildung, Arbeit, Alltags- und Privatleben, öffentliches Leben, Zugang zur Justiz, Gesundheit, Mobilität und besonderer Schutz.

Nathalie Homberger, Schaffhausen24