«Ich bin leider schon satte 77. Der Kopf täuscht einen zwar darüber hinweg und findet, dass er biologisch höchstens 65 sowie sozial 55 ist und eigentlich alles noch so gut wie mit 45 tun kann. Aber irgendwann setzt sich bei allem Optimismus und aller Realitätsverweigerung die Biologie durch», sagt Richard Altorfer halb schmunzelnd, halb nachdenklich.
Er ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Tausendsassa. So war er in seinem Leben Arzt, Journalist, Kolumnist, Verleger sowie Philosophie- und Kunstgeschichte-Student. Und trotz Sympathien für das linke politische Spektrum nahm er aus unternehmerischen Gründen für die FDP im Kantonsrat Einsitz. In den 90ern schrieb er unkonventionelle medizinische Kolumnen für die Schaffhauser Nachrichten. Seit 17 Jahren erscheint regelmässig in dieser Zeitung der «Bock»-Splitter mit teilweise auf das absolute Minimum reduzierten Sätzen. Diese bestehen aus Beobachtungen, Gesprächsfetzen und Gedanken zu Tagesthemen sowie Meinungen von anderen, wie etwa «Onkel Hugo».
Wasser und Tinte im Blut
Seit über 30 Jahren wohnt Richard Altorfer in Neuhausen am Rheinfall. Aufgewachsen ist er aber in Rheinfelden als Sohn einer italienischen Mutter und eines Schweizers. Medizin studierte er in Basel. Beruflich verschlug es ihn ins Appenzellerland nach Heiden, in den zu Laufen-Uhwiesen gehörenden Weiler Nohl, sowie nach Beringen und Schaffhausen. «Irgendwie hat mich der Rhein nicht ganz losgelassen. Vielleicht, weil ich Wassermann bin?»
Vom schreibenden Arzt zum Verleger
Im Zuge eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs wurde 1980 eine Geschichte von ihm im Sammelband «Und es wird Montag werden» publiziert. «Das liess mich glauben, ich könne gut schreiben. Und so suchte ich, in einer Pause meiner Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin, nach einem Schreibjob», erinnert sich Altorfer. Er fand eine Anstellung als Redaktor bei der seit 1910 bestehenden medizinischen Fachzeitschrift «ARS MEDICI». Zu dieser Zeit war er an der Uni Zürich für ein Zweitstudium eingeschrieben: Philosophie, Kunstgeschichte und klinische Psychologie. «Der Redaktionsjob erlaubte mir, finanziell durchzukommen.» Des einen Leid, des anderen Freud; infolge eines Todesfalls konnte Altorfer 1983 eine verwaiste Hausarztpraxis an der Schönbühlstrasse in Schaffhausen übernehmen. Und auch journalistisch konnte er sich weiterentwickeln. Anfang der Neunzigerjahre wurde ihm gar «ARS MEDICI» zum Kauf angeboten: «Also gründete ich unternehmerisch ziemlich ahnungslos einen Fachzeitschriftenverlag.» Die Doppelfunktion als Hausarzt und Publizist sei beinahe zum wirtschaftlichen Debakel geworden. Dennoch habe diese berufliche Entwicklung auch einen ungeplanten Vorteil gehabt. Er sei zu jener Zeit in der Schweiz der einzige – oder zumindest fast – Verleger von medizinischen Fachzeitschriften gewesen, der parallel als Arzt praktizierte. Das habe seinen Texten und dem Verlag eine besondere Legitimation und ihm ein Alleinstellungsmerkmal verliehen.
Vom Verleger zum Politiker
«Ich war in Basel in der linken Szene gross geworden und hatte Sympathien für die POB, die Vorläuferpartei der POCH.» Es war unter anderem die Zeit des Vietnamkriegs, des chilenischen Arztes und Staatsmannes Salvador Allende und des Kampfs gegen den Bau des AKW Kaiseraugst. «Dass die Welt komplizierter ist, als wir Alt-68er uns das damals vorstellten, wurde mir im Laufe der Selbstständigkeit als Arzt und Verleger rasch klar», so der «Bock»-Kolumnist. Seine Sympathie für die gutmeinenden «Linken» sei bis heute geblieben. Die politische Haltung habe sich aber seinen Problemen angepasst. Nachdem Dr. med. André Graedel, damals Leitender Arzt der Chirurgie am Kantonsspital, seinen Rücktritt aus dem Kantonsrat bekannt gab, sei Altorfer erstaunlicherweise von der FDP angefragt worden, ob er nicht kandidieren wolle. «Weder wollte ich dies, noch konnte ich mir vorstellen, dass ich gewählt werde», erinnert sich Altorfer lächelnd zurück. Aber seine Praxis und Kolumnen, damals für die SN, hätten ihm die nötige öffentliche Bekanntheit beschert und schlussendlich zum Wahlsieg verholfen. Der unterdessen verstorbene Rechtsanwalt Gerold Meier, unverwüstlicher Liberale, welcher während 44 Jahren im Kantonsrat Einsitz hatte, habe bei Altorfers Amtsantritt lakonisch gesagt: «Ärzte und Briefträger werden immer gewählt.»
Im Kantonsrat kümmerte sich Richard Altorfer hauptsächlich um gesundheitspolitische Fragen, wie etwa die Selbstdispensation, sowie um kulturelle Themen. Was er in der Politik unter anderem gelernt habe? Nicht jedes Votum eines politischen Kontrahenten persönlich zu nehmen.
Von 1996 bis 2012 war er Teil des Politzirkus. Zum Glück, und nur ein wenig enttäuscht, wurde er 2012 nicht mehr in den damals verkleinerten Kantonsrat gewählt.