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Gesellschaft
08.11.2021

Romantik ohne Zuckerguss

«Am Schluss der Zeremonie kam der Grossvater der Braut, herzte mich und sagte mir, wie schön ich meine Rede gehalten habe. Sowas geht schon tief. Agnetha Chirico über eine Trauung, die besonders emotional gewesen sei.
«Am Schluss der Zeremonie kam der Grossvater der Braut, herzte mich und sagte mir, wie schön ich meine Rede gehalten habe. Sowas geht schon tief. Agnetha Chirico über eine Trauung, die besonders emotional gewesen sei. Bild: zVg. Peggy Meese
Die Schaffhauserin Agnetha Chirico begleitet als freie Traurednerin Paare an ihrem schönsten Tag im Leben. Hochzeiten hätten sie schon immer fasziniert, sagt sie. Bis sie selbst vor dem Traualtar stand, brauchte sie allerdings viel Geduld.

«Schon als Kind war ich begeistert von Hochzeiten.» Wenn Agnetha Chirico zurückblickt, ist ihr klar, dass sie von romantischen Trauungen stets angetan gewesen ist. Der Weg bis zur Traurednerin war indes ein langer. Geboren wurde sie im deutschen Freiburg. Bereits in ganz jungen Jahren lernte sie, dass das Leben nicht nur Romantik, sondern auch viel Schmerz und Kämpfe bereithält. Da bei ihr ab Geburt ein Bein kürzer war als das andere, musste sie sich bald an Operationen und Gehstöcke gewöhnen. Zweimal wurde ihr das kürzere Bein um jeweils fünf Zentimeter verlängert. «Das warf mich in meiner schulischen Laufbahn zurück und mit meinen Stöcken war ich immer eine Aussenseiterin. Sagen wir es so: Ich war nie die Königin der Klasse, die mega beliebt war.» Heute sagt sie, dass sie diese schwierigen Zeiten sehr früh erwachsen und nachdenklich machten. Dazu kamen einige Umzüge. Aus Deutschland zog sie mit ihrer Mutter in den Aargau, später nach Stetten und schlussendlich nach Schaffhausen. «Als ich nach Schaffhausen kam, dachte ich mir nach all dieser ‹Züglerei›: ‹Das ist jetzt meine Heimat, hier schlage ich meine Wurzeln.›» Und das setzte sie um. Noch heute stammten viele ihrer Freundinnen und Freunde aus der Zeit, als sie nach Schaffhausen zog. Und obwohl sie unterdessen in Zürich wohnt, fühle sie sich als stolze Schaffhauserin. 

Vom Anwaltsbüro zur Traurednerin

In Schaffhausen besuchte Agnetha Chirico die Sekundarschule und die Kanti. Hier konnte sie endlich aufblühen: «Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, angekommen zu sein.» Trotzdem brach sie nach drei Jahren ab, entschied sich für ein Sprachdiplom im Norden Englands und machte später das KV. Es folgten verschiedene Stellen bei Anwaltskanzleien im Raum Zürich. «Zuerst dachte ich, das wird staubtrocken. Bald aber merkte ich, dass es oft darum geht, die Sprache geschickt einzusetzen, was mir sehr entgegenkam.» Der Umgang mit der Sprache ist eine der grossen Passionen von Agnetha Chirico. Nach fünf Jahren in einer grossen Kanzlei stellte sie sich trotzdem die Frage, ob es nicht noch etwas gibt, das ihr mehr entspricht und eine tiefere Bedeutung für sie hat. Gleichzeitig fiel sie damals, im Alter von 30 Jahren, in eine Krise: «Ich merkte, dass alle Kolleginnen um mich herum heirateten und Kinder kriegten. Ausgerechnet ich, die sich das schon sehr früh für sich wünschte, stand aber noch alleine da. Das war oft nicht einfach für mich.» Agnetha Chirico entschied darauf, sich fortan auf sich selbst zu konzentrieren, nahm an Seminaren teil und lief unter anderem über glühende Kohlen. «Mir brachte das wirklich viel und ich kam mit ausserordentlichen Menschen in Kontakt.» Später wechselte sie nochmals die Stelle und arbeitete für ein Startup-Unternehmen, welches in den Gedankengängen weniger konservativ gewesen sei als die Anwaltskanzleien. Der entscheidende Moment für sie war aber, als sie jemand fragte: «Wenn du nicht aufs Geld achten müsstest. Was würdest du tun?» «In diesem Moment hörte ich mich selber sagen: ‹Dann würde ich Hochzeitsreden schreiben.›» Dieser Gedanke liess sie nicht mehr los und 2017 kündete sie ihre Stelle, baute sich selbst eine Webseite auf und startete 2018 mit ihrer Passion als Hochzeitsrednerin. 

So persönlich wie möglich

An ihre erste Rede bei einer Hochzeit mag sich Agnetha Chirico noch gut erinnern. «Ein Paar aus meinem Bekanntenkreis fragte mich an, ob ich die Rede an ihrer Hochzeit halten würde. Das Lustige ist, sie wussten damals noch gar nicht, dass ich mich gerade damit selbständig machte.» Ihr erster Auftritt war ein Erfolg und liess bei Agnetha Chirico ein nachhaltiges Gefühl entstehen: «Es war, als sei ich endlich angekommen in dem, was meine Essenz ist. Danach war es so befreiend zu sagen: ‹Hallo, ich bin Agnetha und ich bin Traurednerin.› Das passte einfach zu mir.» Damit begann aber auch die Arbeit, denn einer massgeschneiderten Traurede gehen viele Stunden der Vorbereitung voraus. Agnetha Chirico nimmt sich oft tagelang Zeit, um das Hochzeitspaar kennen zu lernen, seine Geschichte zu hören, die Rede zu schreiben und anzupassen. «Es ist ein Entstehungsprozess. Die Rede ist etwas so Persönliches, da muss es zwischen dem Paar und mir passen, sonst wird das nichts.» Obwohl es bei jeder Hochzeit um das gleiche Thema geht, sei jede Trauung einzigartig, fügt sie an. Dies reflektiere sich auch in der Traurede, die dem Paar möglichst nahe kommen und seinen gemeinsamen Weg möglichst ungeschminkt und gleichzeitig schön wiedergeben soll. Dazu gehörten neben den freudigen Seiten der Liebe auch die Stolpersteine, die ein Paar schon hinter sich hat: «Ich will in meinen Traureden nicht einfach nur kitschig sein. Oft haben sich Paare irgendwann mal getrennt und fanden wieder zusammen. Sowas muss in einer Rede auch Platz haben, es geht ja ums wahre Leben der beiden, so wie es ist. Das ist echte Romantik ohne Zuckerguss.» Und gerade diese ungeschminkten Momente sorgten oft für die grössten Emotionen, ist Agnetha Chirico überzeugt. So zum Beispiel bei dieser einen Trauung in einem Gewölbekeller in St. Gallen, als sie selbst eine Träne verdrückte: «Als Braut und Bräutigam sich ihr Traugelübde gaben, wurde es so emotional, dass auch mir eine Träne runterkullerte. Am Schluss der Zeremonie kam der Grossvater der Braut, herzte mich und sagte mir, wie sehr ihn meine Rede berührt habe. Sowas geht schon tief.»

Die eigene Hochzeit

Nachdem Agnetha Chirico in ihrem eigenen Leben lange Jahre nach der Liebe suchte, fand am Schluss die Liebe sie. «Als ich mein Leben als Single akzeptierte und mich auf meine Selbständigkeit konzentrierte, meldete sich auf einmal ein ehemaliger Arbeitskollege bei mir und sagte, dass er mich vermisse.» Sie begannen, sich privat zu treffen und es funkte zwischen den beiden. Vor einem Jahr wurden sie Eltern eines Sohnes und vor drei Wochen war es endlich so weit: Die eigene Hochzeit, natürlich mit einer freien Traurednerin. «Das war wunderschön. Die Rede war sehr echt, sehr humorvoll und natürlich sehr persönlich auf uns zugeschnitten. Für mich war es total spannend, für einmal selbst als Braut da zu sitzen und einfach zuhören und staunen zu dürfen.» Kurze Pause. Dann sagt sie – und dies ohne jeglichen Kitsch in ihrer Stimme: «Es war, als würden wir mit Liebe geduscht.»

Yves Keller, Schaffhausen24