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Gesellschaft
09.01.2026

Vom Sog der Literatur und der Macht der Worte

Sandro Zoller ist Chefredakteur des Schaffhauser «Bock».
Sandro Zoller ist Chefredakteur des Schaffhauser «Bock». Bild: Salome Zulauf
In der ersten Ausgabe des «Bock» des Jahres schreibt Chefredaktor Sandro Zoller über die Bedeutung und den Wert der Erfindung der Schrift.

Geschichte und Geschichten entstehen, verändern sich und überdauern, dank Chronisten, Gelehrten, Schriftstellern, Textern und Journalisten, die Zeit. Alles begann um 3300 v. Chr. mit der Entwicklung der Bilderschrift, zusammengesetzt aus rund 900 Piktogrammen und Ideogrammen. Ohne die Schrift wüsste heute niemand von den «Hängenden Gärten der Semiramis», circa 700 bis 600 v. Chr. Die ersten buddhistischen Schriften, der Pali-Kanon, wären nicht um 80 v. Chr. im heutigen Sri Lanka aufs Papier gebracht worden. Es gäbe keine Berichte von Zeitzeugen des Aufstiegs Roms, noch hätte es die 70 Bücher gegeben, aus welchen schlussendlich die Bibel entstand. Die meisten Menschen hätten weder von den Inkas, dem Piraten «Blackbeard» noch von den Abenteuern des Venezianers Marco Polo oder dem berberischen Rechtsgelehrten und Reise-Autors Ibn Battūta gehört – geschweige gelesen.

Die Schrift ist etwas Sicht- und Greifbares und für alle, welche der entsprechenden Sprache mächtig sind, allgemeingültig. Seit jeher wohnt Büchern, Schriftrollen und Dokumenten etwas Erhabenes, Ehrwürdiges und auch Verbindliches inne. Die «Zehn Gebote» – ob wahr oder nicht – mussten auf einer Tafel niedergeschrieben werden, um den Worten Gottes Nachdruck und unumstössliche Gültigkeit zu verleihen. Der Bundesbrief von 1291 ist nicht nur die Gründungsurkunde der Schweizerischen Eidgenossenschaft, sondern ebenfalls der manifestierte Wille, sich gegenseitig zu schützen und eine Gemeinschaft aufzubauen. Diese mündete vielleicht gerade auch aufgrund der überaus symbolischen Schrift in der heutigen Willensnation Schweiz.

Recht, welches ohne Grundlage durchgesetzt wird, nennt man Willkür. Ein Gesetzesbuch ist hingegen greifbar, verständlich und ermöglicht faire Prozesse.

Doch nicht alles in der Geschichte der Schriften dreht sich um Aufklärung, Wissen und Vernunft. Wo viel Geld und Macht rufen und fehlende Moral und eine grosse Portion an Skrupellosigkeit antworten, ist auch die Schrift nicht weit entfernt; ob Notizzettel vom Mafia-Paten an seine Offiziere, ein Manifest, das Völker umkrempeln will, der Befehl zum nuklearen Erstschlag oder ein verharmlosender Beipackzettel eines gefährlichen Medikaments. Und wer die Welt einfach brennen sehen möchte, wird auch jedes noch so präzise Wort falsch verstehen. Deshalb können Texte keine Wunder vollbringen, aber sicher noch in 1000 Jahren wie solche wirken.

Mich haben sie, mit ihrem Spiel aus Licht und Dunkelheit, schon lange in ihren Bann gezogen. Mit Demut gegenüber ihrer Macht, und der damit verbundenen Verantwortung, führe ich stets den Stift.

Sandro Zoller, Schaffhausen24
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