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15.01.2026

Wenn der Schnee ruft

Adrian Schürch und sein Team arbeiten bei Schneefall im Pikettdienst – 24 Stunden, rund um die Uhr.
Adrian Schürch und sein Team arbeiten bei Schneefall im Pikettdienst – 24 Stunden, rund um die Uhr. Bild: MP
Wenn um zwei Uhr morgens das Telefon klingelt, weiss Adrian Schürch: Jetzt zählt jede Minute. Während andere schlafen, stehen Landwirte mit Traktoren, Pflügen und Salzstreuern im Einsatz – damit die Schweiz am Morgen funktioniert. Der Winterdienst des Maschinenrings ist unsichtbar, anspruchsvoll und zunehmend extremer. Und genau darum wünscht sich Schürch eines ganz besonders: keinen Schnee an den Weihnachtstagen.

Gibt es morgen Schnee? Nein, ein «Wetterschmöcker» ist Adrian Schürch nicht. Und doch denkt er intensiv darüber nach, wann es schneien darf – und wann besser nicht. Weisse Weihnachten? Nur bedingt. «Wenn schon Schnee, dann bitte am 23. Dezember – oder erst am 27.», sagt er. Der Grund ist pragmatisch: An den Festtagen sollen «seine» Leute Zeit mit der Familie verbringen. Rund 2500 Personen sind für den Maschinenring Schweiz im Winterdienst tätig. Für sie wünscht sich Schürch ruhige Tage. «Natürlich gibt es einen Sonntagszuschlag. Aber Erholung ist genauso wichtig.» Ab dem 1. Januar dürfe es dann gerne wieder «voll schneien».

Was ein schneefreier Bahnhof mit Bauern zu tun hat

Ein geräumter Bahnhof wirkt selbstverständlich. Doch dahinter stecken Organisation und Landwirtschaft. Die SBB gehört zu den wichtigsten Kunden des Maschinenrings. Wenn nachts Schnee fällt und ein Bahnhof geräumt werden muss, laufen bei Schürch   und seinem Team die Fäden zusammen. Ob Perron, Busareal oder Parkplatz: Ohne Landwirte, die mit ihren eigenen Traktoren und Schneepflügen ausrücken, käme niemand trockenen Fusses zum Zug. Diese Einsätze passieren oft dann, wenn niemand hinschaut. «Keine Autos, kein Verkehr – man kann ruhig arbeiten», sagt Schürch. Stressig wird es hingegen, wenn es erst gegen fünf Uhr morgens zu schneien beginnt. «Dann ist alles angefahren, der Schnee lässt sich kaum mehr wegbringen, und alle wollen gleichzeitig zur Arbeit.»

Am liebsten «pfadä», wenn noch niemand unterwegs ist – dann bleibt es am stressfreisten. Bild: MB

Winterdienst als Standbein

Der Maschinenring ist breit aufgestellt, der Winterdienst ein zentraler Pfeiler. Ziel ist klar: Landwirte fördern und ihnen einen Mehrwert bieten. Die Einsätze werden möglichst mit Bauern und Lohnbetrieben aus der ganzen Schweiz abgedeckt. Doch das ist anspruchsvoll. Immer mehr Arbeiten erfordern Handarbeit – gerade dort, wo Maschinen an ihre Grenzen kommen.

Dazu kommt die Ausrüstung. Ein Pflug allein reicht nicht. Salzstreuer, passende Reifen, Zusatzgeräte, ja die Investitionen sind hoch. «Wer sich einmal ausgerüstet hat, hat ein schönes Standbein», sagt Schürch. Gleichzeitig brauche es Gelassenheit. «Wer Nächtelang nicht schläft, weil es vielleicht Schnee oder Glatteis geben könnte, ist für den Winterdienst nicht geeignet.» Die Kriterien sind klar: richtige Ausrüstung und Freude an der Arbeit. Wenn der Schnee kommt, hat dieser Priorität, auch wenn zu Hause ein Stall wartet.

Organisation aus der Basis heraus

Die Struktur des Maschinenrings ist stark föderal. Aufträge kommen aus der Basis, werden national koordiniert und einheitlich vergütet. So gelten für alle Kunden dieselben Voraussetzungen, mit einem Ansprechpartner. Die Landwirte vor Ort werden über lokale Verbände aufgeboten und arbeiten mit ihren eigenen Maschinen. Diese Organisation ermöglicht es, rund 4000 Objekte zu betreuen: alle SBB-Bahnhöfe der Schweiz, Parkplätze und Perrons, Güter- und Industrieareale, Armeeanlagen, grosse Detailhändler wie Migros oder Lidl sowie umfangreiche Überbauungen. Nicht bedient werden einzelne Einfamilienhäuser. «Unsere Strukturen wären dafür zu teuer», sagt Schürch offen.

Extremwetter verändert alles

Der Winterdienst hat sich stark gewandelt. Statt kontinuierlicher Schneefälle gibt es heute wenige, dafür extreme Ereignisse. «Drei Tage eisigkalt und Schnee, dann wieder warm», beschreibt Schürch. Die Einsätze ballen sich. Ausrüstung und Personal müssen für wenige Tage im Jahr top bereit sein – über den ganzen Winter hinweg.

Das macht die Suche nach Dienstleistern schwieriger. Darum versucht der Maschinenring, auch ausserhalb des Winters Arbeit zu vermitteln: Umgebungspflege, Neophytenbekämpfung, Unterhalt von Tankstellen oder Arealen. Arbeiten, die sich mit der Hofarbeit kombinieren lassen und Lücken füllen.

400 Anrufe in 24 Stunden

Als Bereichsleiter Winterdienst wickelt Schürch  die nationalen Aufträge ab und ist zusätzlich für die Ostschweiz zuständig. Sein Winter dauert von August bis Anfangs Juni. Pässe müssen teils bis Ende Mai offen gehalten werden, während gleichzeitig bereits neue Offerten eingehen.

Wenn es schneit, herrscht Pikettbetrieb – 24 Stunden am Tag. Ein grosser Schneetag kann 300 bis 400 Anrufe bringen, wie im Dezember 2023. Nicht immer ist das Verständnis gross. «Wir filtern, suchen Lösungen und organisieren sofort mit den Dienstleistern vor Ort.» Priorisieren gehört dazu: Nicht überall kann gleichzeitig geräumt werden.

Technik, Prognosen und Grenzen

Digitale Lösungen sind ein Thema, aber schwierig. Regionale Unterschiede machen Prognosen unsicher. «In Sargans 20 Zentimeter Schnee, im Rheintal auf gleicher Höhe nichts.» Eine App mit automatischen Warnungen wäre wünschenswert, scheitert bisher aber an den Kosten. Grundsätzlich gilt: Der Dienstleister vor Ort weiss am besten, wie die Lage ist. Ziel ist, dass er selbstständig ausrückt – ohne Freigabe von «oben».

Während alles noch schläft, hält der Schnee Einzug. Für die Winterdienstarbeiter beginnt der Arbeitstag früh – mit der Schaufel in der Hand. Bild: MB

Nachhaltigkeit zwischen Wunsch und Realität

Schürch erinnert sich an Winter ohne Salz. Heute ist das kaum mehr möglich, denn die Strassen müssen jederzeit befahrbar sein. Salz ist günstig, wirkt schnell und lässt sich effizient ausbringen. Alternativen wie Solé oder ökologische Streumittel kommen punktuell zum Einsatz, sind aber teurer. Splitt wird bedingt bei Treppen und Rampen verwendet. «Der Winterdienst soll günstig sein – Alternativen rechnen sich oft nur auf kleinen Flächen.»

Vertrauen, das trägt

Besonders wichtig ist Schürch die Beziehung zu seinen Dienstleistern. «Derjenige draussen hat eigentlich immer recht.» Das Vertrauen ist gross – auch persönlich. Einige Dienstleister sind sogar zu seiner Hochzeit eingeladen. «Wenn es schneit, alle sind im Einsatz und kein Anruf kommt rein – dann ist das das Schönste. Denn dann klappt die Zusammenarbeit überall.» Sein Dank gilt allen, die nachts um zwei Uhr aufstehen und bis tief in die Nacht arbeiten. «Ohne sie würde in der Schweiz nichts laufen.»

Blick nach vorn

Der Klimawandel wird den Winterdienst nicht überflüssig machen, aber verändern. Weniger Einsätze, dafür teurer. Bereitschaftspauschalen werden steigen müssen. Arbeit wird es weiterhin geben.

Adrian Schürch ist gelernter Landwirt und Landmaschinenmechaniker, technischer Kaufmann, war im Verkauf tätig und im Ausland. Er kennt beide Seiten, als Bauer und als Kunde. Aus einer Laune heraus bewarb er sich vor einigen Jahren beim Maschinenring Schweiz. «Ich hätte nie gedacht, was alles im Winterdienst dahintersteckt», sagt er lachend. Heute weiss er es – Nacht für Nacht, wenn es sein muss.

Schaffhausen24, Originalmeldung Schaffhauser Bauer
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