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Gesellschaft
16.01.2026

Buch-Tipp: Andrea Camilleri, Riccardino, Lübbe 2025

Sylvia Bührer, von der Bibliothek Schaffhausen schreibt regelmässig Buchrezensionen für den Schaffhauser Bock.
Sylvia Bührer, von der Bibliothek Schaffhausen schreibt regelmässig Buchrezensionen für den Schaffhauser Bock. Bild: zVg.
Sylvia Bührer arbeitet seit 2016 bei den Bibliotheken Schaffhausen. In loser Folge schreibt sie für den «Bock» Buchempfehlungen.

Den letzten Roman aus der Commissario-Montalbano-Reihe schrieb Andrea Camilleri schon 2005. Damals bat er seine Verlegerin, den Roman erst nach seinem Tod zu veröffentlichen. 2016 hat er ihn nochmals durchgelesen und einige sprachliche Korrekturen gemacht. Was wir in der deutschsprachigen Version nicht mitbekommen, ist, dass Camilleri für die fiktiven Städtchen Vigata und Montelusa, wo Montalbano wohnt und arbeitet, einen eigenen Dialekt erfunden hat.

Der letzte Fall für Montalbano scheint auf den ersten Blick ziemlich klar zu sein: Riccardino Lopresti wird ermordet und seine drei besten Freunde hatten gute Gründe, ihn umzubringen. Natürlich gibt es dann doch noch viele weitere Möglichkeiten, die zur Auflösung führen könnten. So mischt sich der Bischof ein, weil einer der verdächtigen Freunde dessen Neffe ist. Auch die Mafia spielt eine Rolle und schliesslich gibt es mehrere Telefonate vom Autor, der Montalbano in eine bestimmte Richtung schicken möchte. Gespickt wird das Ganze von den üblichen Zutaten: Humor, gutes Essen, Streit mit der Freundin des Commissarios und lange Spaziergänge, wobei er seinen Gedanken nachhängen kann. Montalbano ist müde und auch genervt von der Fernsehserie, die nach ihm benannt wurde. Er hat eigentlich keine Lust mehr auf seine Arbeit.

Aber für den Schluss hat sich Camilleri etwas total Unerwartetes ausgedacht, was hier nicht verraten werden soll …

Pierre Jarawan, Frau im Mond, berlin verlag 2025. Am Anfang erfahren wir, dass die Zwillinge Lilit und Lina auf der Fähre über dem Sankt Lorenzstrom in Montreal zur Welt kommen. Ihr Grossvater startet gleichzeitig eine Rakete auf dem Dach des Seniorenheims, in dem er wohnt. Seit er als Jugendlicher Fritz Langs Film ‹Frau im Mond› gesehen hat, ist er von Raketen fasziniert. «So also beginnt diese Geschichte. Natürlich gibt es noch eine Hauptgeschichte, eine Vor- und eine Vorvorgeschichte. Und ein paar Neben- und Untergeschichten. Das ist wie bei einer guten Baklava: Es braucht verschiedene Schichten, die, im richtigen Verhältnis übereinandergelegt, ein grosses Ganzes ergeben». Lilit wird Dokumentarfilmerin und versucht, mit Hilfe ihres 100-jährigen Grossvaters, die Geschichte ihrer Familie zu verstehen. Diese Geschichte beginnt im frühen 20. Jahrhundert bei den Armeniern, die im Osmanischen Reich unterdrückt, verfolgt und ermordet wurden, und endet 2020, als Lilit alle Fäden zusammenfügt und zu einem bunten Teppich verknüpft.

Sie sagt zwar zu ihrer libanesischen Freundin Maral: «Auch wenn immer noch nicht klar ist, wie sich ein Jahrhundert, drei Generationen, zwei Städte auf zwei Kontinenten, ein Raketenprojekt und eine Revolution in einer Geschichte unterbringen lassen sollen.» Nach der Lektüre dieses Romans wissen wir, dass ihr dies tatsächlich gelungen ist. Und es ist ein sehr unterhaltsames Buch geworden.

Schaffhausen24, Sylvia Bührer
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