Das Büro der Rektorin an der ETH Zürich ist ein hoher, in Holz gekleideter Raum, in dessen Zentrum ein schwerer, lang gezogener Sitzungstisch steht. Sarah Springman bevorzugt für das Interview das kleine, runde Tischchen, das an der Wand des eindrücklichen Raumes steht und etwas gar verloren wirkt. Die Symbolik indes ist stark und wohl auch bewusst gewählt, die Rektorin einer der renommiertesten Hochschulen der Welt gibt sich nahbar und persönlich. Wer ihr zuhört, glaubt ihr, dass für sie das Wichtigste an ihrer Arbeit die Entwicklung der Studentinnen und Studenten ist.
Europameisterin und Offizierin
Die Biografie von Sarah Springman ist aussergewöhnlich. Als Kind in einer Mittelstandsfamilie in England aufgewachsen, war sie die erste Frau der Familie, die eine Universität besuchte. Nachdem sie in ihrer Kindheit eher zurückgezogen lebte, blühte sie während des Studiums der Ingenieurwissenschaften auf. Um während des Studiums Geld zu verdienen, meldete sie sich beim Militär und wurde Reserveoffizierin bei den Royal Engineers. Die Zeit im Militär sei es gewesen, die sie merken liess, dass sie es durchaus mit ihren männlichen Kollegen aufnehmen konnte: «Auf der Kampfbahn mussten die Männer mit den Kampfstiefeln über den Parcours, die Frauen durften in Turnschuhen. Ich fand das unfair und ging, wie die Männer, in den Kampfstiefeln über die Hindernisse – und war dabei sogar unter den besten zehn Prozent.» Zu den Erfolgen im Militär kamen sportliche Höhenflüge hinzu. Sarah Springman gehörte im Triathlon bald zur Weltspitze und wurde 1985 und 1986 auf der Triathlon-Langdistanz Europameisterin. 1988 holte sie sich den Europameistertitel auf der Olympischen Distanz.
Schaffhausen als Grundstein
1990 besuchte Sarah Springman den nördlichsten Kanton. Hier verweilte sie einige Tage in einem Trainingslager und war begeistert von den schönen Landschaften: «Schaffhausen war mein erster richtiger Besuch in der Schweiz, und es gefiel mir ausserordentlich gut.» Bei ihren Trainings in Schaffhausen lernte sie die heutige Personal-Trainerin Brigitte Röllin kennen. Die Schaffhauserin erinnert sich gern an die Zeit: «Es war toll. Wir waren eine Gruppe mit noch einigen deutschen Sportlerinnen, und wir lieferten uns harte Kämpfe. Nach dem Training waren wir dann meist bei jemandem zu Hause und assen zusammen Pasta.» Sarah Springman sei schon damals eine zielbewusste Frau gewesen mit Ehrgeiz, einem grossen Herz und viel Humor. «Wir haben uns oft gegenseitig ‹azündt› und eine tolle Zeit zusammen erlebt.» Die Tage in Schaffhausen waren für Sarah Springman nicht nur sportlich erfolgreich, sondern auch beruflich wegweisend.
Während einer Velofahrt rund um Schaffhausen kam der damaligen Dozentin an der Universität Cambridge die Idee, eine Sprachschule für Ingenieure zu gründen. «Es war mir peinlich, dass ich französisch sprechen konnte, aber kein Deutsch», sagt sie über ihre Zeit in Schaffhausen. Zurück in England setzte sie die Idee der Sprachschule für das ‹Department of Engineering› mit verschiedenen Teams um und begann 1994 selber mit dem Deutschstudium. «Ich habe sehr schnell gemerkt, dass mir die Sprache liegt. Vielleicht kommt das daher, dass ich deutsche Vorfahren habe», schmunzelt die 63-Jährige. Kurze Zeit später erhielt sie einen Brief mit der Ausschreibung für eine Professur an der ETH Zürich. An ihren ersten Besuch an der Hochschule erinnert sie sich heute noch: «Ich war absolut sprachlos. Das passiert mir eigentlich sehr selten. Aber ich erkannte, dass dies eine fantastische Schule ist.» 33 Männer und eine Frau bewarben sich auf die Stelle. Sarah Springman setzte sich durch und wurde zur ersten Professorin in Bauingenieurwissenschaften in der Schweiz und zur ersten Professorin im Fachbereich Geotechnik in ganz Westeuropa.
Auf einen Schwatz mit der Queen
Nach ihrer sportlichen Karriere im Triathlon setzte sich Sarah Springman als Vizepräsidentin des internationalen Triathlon-Dachverbandes dafür ein, dass die Sportart ins olympische und später ins paralympische Programm aufgenommen wurde. Dieses Engagement habe sie auf ihre heutige Aufgabe vorbereitet: «Als Vizepräsidentin des Triathlonverbandes habe ich Kompetenzen erlernt, die unter anderem für meine Arbeit als Rektorin unglaublich wichtig sind.» Schöner Nebeneffekt: Für dieses Engagement erhielt sie 2012 eine Auszeichnung als «Commander of the Most Excellent Order of the British Empire». Der britische Verdienstorden wurde ihr von der Queen persönlich überreicht. Ein magischer Moment sei das gewesen, sagt Sarah Springman strahlend: «Es war eine grosse Ehre, den Orden von der Queen zu erhalten. Das vergesse ich nie.»
Als Frau in einer Männerwelt
Ob im Militär, beim Triathlon oder in den Ingenieurwissenschaften, Sarah Springman war zeitlebens in Männerdomänen unterwegs. Es überrascht, wenn sie sagt, dass sie nie besonders um ihr Recht habe kämpfen müssen: «Ich hatte nie den Gedanken, dass ich nicht akzeptiert bin.» Oft habe sie als Frau sogar gewisse Vorteile gehabt, weil sie einen anderen Zugang zu Problemen oder Diskussionen hatte. «Ich habe mich immer eher etwas heruntergespielt. Wenn du genug Selbstachtung hast, musst du nicht immer allen anderen sagen, wie gut du bist. Es ist doch zum Beispiel auch spannend, dass auffällig viele Länder mit einer Präsidentin an der Spitze die Corona-Krise bisher besonders gut gemeistert haben. Ich glaube, das ist so, weil diese Frauen mehr Empathie gehabt und akzeptiert haben, dass die Wissenschaft eine Rolle spielt. Sie haben zuerst zugehört, einen Konsens gefunden und dann entschieden. Ich bin überzeugt, dass dies wichtig war.»
Mit Erfolg durch Krisen
Der Lockdown durch Corona sei auch für die ETH eine Belastung gewesen. Sie habe mit ihrem Team teilweise sehr rasch Entscheidungen treffen müssen, sagt Sarah Springman. Eine Entscheidung, die sie als besonders gelungen erachtet, hat mit den Semesterprüfungen zu tun: Wenn Studierende eine der Hauptprüfungen zweimal nicht bestehen, verlieren sie das Recht, an der ETH zu studieren. Diese Regelung hat die ETH bei den aktuellen Prüfungen nicht angewandt. «So haben wir die Studierenden motiviert, weiter zu lernen, im Wissen, dass sie nichts verloren haben, wenn sie die Prüfung nicht bestehen. Damit konnten wir verhindern, dass viele Studierende ihre Prüfungen erst zu einem späteren Zeitpunkt machen wollen und damit Zeit verlieren. Viele andere Universitäten übernahmen diese Regel.» Nach dieser Aussage steht Sarah Springman auf, um den Lichtschalter zu betätigen. Weil sich draussen über der Stadt Zürich ein Gewitter zusammenbraut, ist es dunkel geworden. Als sie wieder am Tischchen an der Wand Platz nimmt, sagt sie auf die Frage, was denn der Reiz ihrer Aufgabe als Rektorin sei: «Ich kann hier wirklich Einfluss nehmen und einen Unterschied machen für die Studierenden. Das ist eine schöne Aufgabe.» Wie wird man denn so erfolgreich wie sie? «Wissen Sie, wir können nicht jeden Tag eine Goldmedaille gewinnen, aber wir können jeden Tag hart daran arbeiten, damit wir an einem bestimmten Tag dann vielleicht eine kriegen.»