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Gesellschaft
05.01.2026

Bock-Splitter: Richard Altorfer

Richard Altorfer verfasst zweimal pro Monat die Kolumne «Bock»-Splitter.
Richard Altorfer verfasst zweimal pro Monat die Kolumne «Bock»-Splitter. Bild: zVg.
Was bringt 2026? Dieser Frage stellt sich «Bock»-Kolumnist Richard Altorfer in der ersten Ausgabe des Jahres.

Was bringt 2026? Es gab tausend kluge Bemerkungen dazu, die letzten Tage. Zum Beispiel: «Es gibt nichts Neues auf der Welt (Original: «unter der Sonne»), es war alles schon mal da. Müh dich nicht um Geld und Besitz, sondern geniesse die Augenblicke des Glücks.» Aber ist das nicht ein etwas wohlfeiler Rat von Menschen, denen es so gut geht wie den meisten von uns? Onkel Hugo hört zu, sagt aber (noch) nichts. Mit einer verdrückten Träne im Auge meint er bloss: Brigitte Bardot ist gestorben; zur Beerdigung ist Marie LePen eingeladen, aber nicht Macron. 

Warum sagt er das? Es ist vier Uhr morgens, klar, da ist alles erlaubt am Neujahrstag. Wir landen beim Flügelschlag des Schmetterlings, einer Winzigkeit, die selbst wenn sie sich im Süden Feuerlands abspielt, ihre Wirkung hier bei uns entfaltet. Auch wenn nicht vorhersagbar, wie. Hugo schweigt noch immer.

Wir sprechen über «Ichigo ichie» – dank eines Hinweises aus einem Neujahrsgruss – danke dafür! Eine japanische Lebenshaltung, die lehrt, dass jede Begegnung (mit jemandem oder etwas), und sei sie noch so unscheinbar und alltäglich, unwiederbringlich ist und damit ein Moment, den man mit Achtsamkeit geniessen sollte. Dass man sich nicht von der Vergangenheit ablenken und der Zukunft beunruhigen lassen, sondern bei allem, was man tut, mit ganzem Herzen dabei sein und Gelegenheiten dann ergreifen sollte, wenn sie sich bieten, weil sie so nie mehr wiederkehren. Onkel Hugo wiegt mit dem Kopf.

Ein Freund, eher praktisch veranlagt, beklagt sich darüber, dass er die Bilder (Fotos, Dias) aus seiner Kindheit und Jugend, als es noch keine iPhones, bloss gute Spiegelreflexkameras gab, nicht mehr ansehen könne. Sie seien, verglichen mit dem heute Gewohnten, technisch dermassen schlecht. Protest: Aber es sind deine Bilder, wie unscharf sie auch sein mögen. Bilder berühmter Fotografen wie Frank Capa oder Henri Cartier-Bresson wurden keine Ikonen der Menschheit wegen ihrer technischen Qualität. Und wenn dich die Technik stört, lass dir helfen von KI – und du wirst sehen, was du gewinnst – oder verlierst. Auch KI bringt dir den damaligen Augenblick nicht zurück.

Einwand des «Praktikers»: Natürlich nichts, aber die Erinnerungen verblassten – mit den und wie die Farben des Papiers. Frage aus dem Freundeskreis: Ob die KI-aktivierten, farbig retuschierten und winkenden Cousinen und der längst verstorbene Cousin aus den schwarzweissen Fünfzigern mehr bringe? Man wird sich nicht einig, und es ist nicht nur der Quittenschnaps vom Zimmerli, der das verhindert, obschon auch der seine einmalige Wirkung tut.

Ein vierter Freund (oder ist’s der dritte, na ja, Zahlen werden in dieser Nacht immer unwichtiger) zitiert eine ziemlich typische aktuelle Konversation: B.: «Niemand weiss heute mehr, was wirklich wahr ist.» – A.: «Stimmt, das ist wahr.» – Z.: «Glaubst du wirklich?»

Onkel Hugo fasst die Nacht zusammen: «Wunderbar nachdenkliche Gedanken zum Jahresanfang – und dann kam Trump …!»

Schaffhausen24
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