Home Region Sport Schweiz/Ausland Magazin Agenda
Publireportagen
20.01.2026
16.01.2026 11:14 Uhr

«Jeder kann in eine Krise geraten»

 Dominik Röösli und Valentina Grieshaber im Gespräch über psychische Gesundheit, Inklusion und den Arbeitsalltag bei der Altra.
Dominik Röösli und Valentina Grieshaber im Gespräch über psychische Gesundheit, Inklusion und den Arbeitsalltag bei der Altra. Bild: Claudia Riedel
Psychische Gesundheit geht uns alle an. Mit einer neuen Kampagne will die Altra aufklären, sensibilisieren und zeigen, dass Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ihren Platz in der Gesellschaft haben. Wie es funktioniert, erklären Valentina Grieshaber, verantwortlich für Marketing und Kommunikation bei der Altra, und Dominik Röösli, der selbst mit psychischen Problemen lebt und bei der Altra andere Betroffene berät.

 «Bock»: Warum braucht es diese Kampagne gerade jetzt? 
Valentina Grieshaber: Psychische Erkrankungen nehmen zu, das spüren wir bei der Altra genauso wie gesamtgesellschaftlich. Trotzdem ist es noch immer keine Selbstverständlichkeit, Menschen mit psychischen oder kognitiven Beeinträchtigungen anzustellen. Die Vorbehalte sind gross, die Aufnahmekriterien oft sehr streng. Wir wollen zeigen: Es kann funktionieren. Die Kampagne soll sensibilisieren, aufklären und sichtbar machen, welches Angebot es in der Region gibt. Es geht um echte Lebensgeschichten, nicht um Marketing.
Dominik Röösli: Eigentlich sollte man gar nicht mehr zwischen «psychisch gesund» und «nicht gesund» unterscheiden. Jeder Mensch kann in eine Krise geraten. Trotzdem sind psychische Erkrankungen nach wie vor stark stigmatisiert, nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch bei den Betroffenen selbst. Viele sprechen nicht darüber.

Welche Erfahrungen machen Sie persönlich, wenn Sie über Ihre psychischen Probleme reden?
Röösli: Es gibt Menschen, die offen und verständnisvoll reagieren und andere, bei denen sehe ich sofort, wie der Laden heruntergeht. Es ist immer eine Gratwanderung.

Trotzdem haben Sie sich entschieden, Ihre Geschichte öffentlich zu machen. Weshalb ist Ihnen das wichtig?
Röösli: Ich habe meine Situation früher auch verschwiegen, zum Beispiel in Bewerbungsgesprächen. Bekam ich die Stelle, fühlte ich mich unwohl, als dürfte ich nicht ganz ich selbst sein. Dieses Verstecken erzeugte zusätzlichen Druck. Ich finde, wenn wir Inklusion ernst nehmen, müssen wir auch offen sein. Es gab früher Phasen, in denen ich über Monate komplett überfordert war und nichts leisten konnte, das musste ich mir selbst und meinem Gegenüber eingestehen.

Können Sie wirtschaftliche Vorbehalte nachvollziehen? Gerade solche längeren Ausfälle können sich viele Betriebe nicht leisten.
Röösli: Ja, das kann ich verstehen. So wie die Anforderungen an Mitarbeitende heute oft sind, ist das schwierig. Vielleicht braucht es hier eine Veränderung der Wirtschaftskultur: weg von maximaler Leistung, hin zu einem stärkeren Blick für den Menschen. Zudem ist jede psychische Erkrankung anders. Manche können ihr Problem bewältigen. Ich habe für mich gelernt, meine Grenzen zu erkennen. Bei der Altra begleite ich seit etwa einem Jahr andere Betroffene, arbeite in einem kleinen Pensum und bin ein vollwertiges Teammitglied. 
Grieshaber: Die Vorbehalte beginnen ja oft schon vor den wirtschaftlichen Fragen. Wenn etwa eine Auszubildende der Altra einen Praktikumsplatz sucht, ist ihr Lohn durch uns gedeckt, trotzdem ist die Suche oft schwierig. Viele Arbeitgeber haben Bedenken. Mich würde wirklich interessieren, wovor genau sie Angst haben.
Röösli: Es gibt Studien, in denen Firmen gefragt wurden, welche Randgruppen sie am ehesten anstellen würden. Menschen mit psychischen Erkrankungen landeten dabei auf dem letzten Platz. Das zeigt, wie gross die Vorbehalte noch sind.

Wie erleben Sie den Arbeitsalltag bei der Altra im Vergleich dazu?
Grieshaber: Viele unserer Mitarbeitenden kommen trotz psychischer Beeinträchtigungen sehr zuverlässig zur Arbeit. Damit das möglich ist, braucht es Rücksichtnahme. Wenn es jemandem nicht gut geht, wird diese Person nicht zusätzlich belastet. Das ermöglicht enorme Entwicklungsschritte, teilweise echte Höhenflüge, die Menschen ohne Beeinträchtigungen in nichts nachstehen. Die Ressourcen sind da, man muss sie sehen und zulassen.

Und reichen diese Ressourcen auch für den ersten Arbeitsmarkt aus?
Grieshaber: Ja, absolut. Die Altra ist kein Abstellgleis, keine Einbahnstrasse. Wir haben Mitarbeitende, die halbtags bei uns arbeiten und die andere Tageshälfte im Detailhandel oder bei der Feuerwehr tätig sind. Andere bleiben bewusst bei der Altra, weil sie hier Struktur und Sicherheit finden. Beides ist legitim. Und wir leisten einen echten wirtschaftlichen Beitrag. Wir sitzen nicht nur rum und «lismen», sondern haben grosse Aufträge, etwa aus der Industrie oder von Privaten, zum Beispiel für den Gartenbau. Unsere Mitarbeitenden machen sinnvolle und wertschöpfende Arbeit – keine Beschäftigungstherapie.

Wie wichtig ist diese Sinnhaftigkeit im Alltag?
Röösli: Sehr. Auch Menschen mit psychischen Erkrankungen wollen einen Alltag mit Inhalt. Keiner möchte den ganzen Tag Socken falten und sie abends wieder auseinandernehmen, um sie am nächsten Tag wieder zu falten. Wenn Arbeit Sinn macht und man sich etwas zutraut, entsteht Entwicklung. Dann kommt ein Prozess in Gang. Und wir haben bei der Altra auch sehr viel Spass miteinander. Es ist nicht so, dass wir dort hingehen und dann zusammen bedrückt sind. 

Was erhoffen Sie sich von der Kampagne – was soll sie bei den Menschen auslösen? 
Grieshaber: Sie soll Mut machen, hinzuschauen und sich zu zeigen. Wir wollen aufklären, Vorurteile abbauen und Möglichkeiten sichtbar machen: für Betroffene, Angehörige und Arbeitgeber. Bei der Altra bieten wir den Menschen Strukturen, zum Beispiel mit betreutem oder begleitetem Wohnen oder mit Freizeitangeboten. Wir sind alle Teil einer Gesellschaft, das ist gelebte Inklusion.
Röösli: Ich wünsche mir, dass psychische Gesundheit als das gesehen wird, was sie ist: ein Teil des Menschseins. Wenn wir anfangen, offener darüber zu sprechen und einander mehr zuzutrauen, entsteht Raum für Entwicklung. Davon profitieren wir alle.

Altra Kampagne 
Psychische Gesundheit


Dieses Interview markiert den Auftakt einer 12-teiligen Serie rund um Angebote, Arbeits- und Lebenswelten der Altra. Gleichzeitig wird fortlaufend über das Thema psychische Gesundheit informiert. Dazwischen geben Mitarbeitende der Altra in Tagebucheinträgen einen ganz persönlichen Einblick in ihren Alltag.

Weitere Informationen und alle Teile der Serie finden Sie über den QR-Code oder hier: 
altra-sh.ch/kampagnen

Claudia Riedel, Schaffhausen24
Demnächst